Archiv für Januar 2011

*Guy Debord, Ausgewählte Briefe 1957-1994*

Montag, 17.1.2011 || 19:00 Uhr
Ruhr-Uni Bochum || KulturCafé

Buchvorstellung & Diskussion

„Ich zähle nicht zu den Bewunderern der SI“, schrieb Guy Debord am 11. November 1971 an den Anarchisten Juvénal Quillet. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Situationistische Internationale bereits in einem Auflösungsprozess, der 1972 zu ihrem Ende führte. Dass Debord nicht nur kein „Bewunderer“, sondern ihr schonungslosester Kritiker war, zeigen die im Band versammelten ausgewählten Briefe. Sie setzen mit der Gründung der SI 1957 ein, dokumentieren die Spaltungen, die die Entwicklung von einem Zirkel experimentierender Künstler, Architekten und Philosophen zu einer politischen Avantgarde begleiteten, und lassen erkennen, dass Debord die Auflösung der Gruppe als zwingende Konsequenz aus den geschichtlichen und politischen Entwicklungen begriff. Deren konsequente Analyse ist der rote Faden, der sich über das Ende der SI hinaus bis zu Debords Tod 1994 durch die Korrespondenz zieht. Von der Machtübernahme de Gaulles, dem Algerienkrieg und der Revolte im Mai 1968 über die politischen Krisen in Italien, Spanien, Portugal und Polen bis hin zum Ende der Sowjetunion werden geschichtliche Ereignisse in Hinblick auf ihre Bedeutung für die revolutionäre Bewegung betrachtet und beurteilt. In den achtziger Jahren kommen neue gesellschaftspolitische Themen wie Ökologie und Migration hinzu. Die Perspektive ist stets strategisch und parteiisch – also das Gegenteil vom aseptischen Blick des Berufshistorikers. Vielmehr zeigen die Briefe den Zusammenhang von gedanklichem Austausch und Freundschaft, Werk und Leben, Fleiß und Vergnügen. Sie zeichnen über einen Zeitraum von fast 40 Jahren die Bemühung um eine In-Begriff-Nahme der Gegenwart nach – und die Entwicklung eines Denkens, das unbeirrt auf den Umsturz der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung zielte.

Im Frühjahr 2011 erscheint erstmals eine Auswahl der Briefe von Guy Debord auf Deutsch. Diese Auswahl soll an diesem Abend vorgestellt und ein Überblick über die Korrespondenz gegeben werden. Dabei werden insbesondere Briefauszüge gelesen, die einen Einblick in bisher wenig bekannte Aktivitäten von Debord gewähren, wie beispielsweise Artikel über den Verfall der Nahrung oder die „Immigranten-Frage“ oder ein von ihm verfasstes Untergrundflugblatt, mit dem 1980 die Freilassung von 50 spanischen Anarchisten erwirkt werden konnte.

Guy Debord: Ausgewählte Briefe 1957-1994, übers. v. Bernadette Grubner, Roman Kuhn, Birgit Lulay, Christoph Plutte, Berlin, Verlag Klaus Bittermann. Erscheinungstermin voraussichtlich Frühjahr 2011, ca. 400 Seiten.

Eine Veranstaltung des AStA der Ruhr-Universität Bochum

Kommunismus – Eine kleine Geschichte wie endlich alles anders wird

Lesung mit Bini Adamczak
Donnerstag, 17. Februar, 19 Uhr
Bahnhof Langendreer, Raum 6

„Na, da war ja nichts“, denken sich die Menschen. „Erst hat uns der Kapitalismus ganz unglücklich gemacht und dann ist er auch nocht ständig schief gegangen. Außerdem gibt es den Kapitalismus jetzt wahrlich lange genug (200-500 Jahre lang nämlich). Es wird Zeit für was Neues. Weil Abwechslung muss sein.“

»Kommunismus.« ist für alle da. Einsteigerinnen und solche, die schon immer an diesem verflixten Fetischkapitel verzweifelt sind.

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Quelle: Kommunistische Gruppe Bochum

Vorladungen nach Protesten gegen die NPD

Nach den erfolgreichen Protesten gegen die Kundgebung der NPD in Essen-Katernberg hat die Essener Polizei in den letzten Wochen Vorladungen an Personen verschickt, die auf der Gegenkundgebung festgenommen wurden. Wir fordern Euch dazu auf, diesen Vorladungen nicht Folge zu leisten. Es besteht dazu keinerlei Verpflichtung! Die Betroffenen bitten wir, sich bei uns oder der Roten Hilfe westliches Ruhrgebiet zu melden.

Informationen zum Umgang mit Strafverfahren und polizeilicher Repression findet Ihr hier.

Quelle: Antifa Essen Z

Dialektik der Gegenaufklärung: Von der Romantik zum Nazifaschismus

Mittwoch, 19. Januar 2011, 20:00, Druckluft, Am Förderturm 27, Oberhausen

Vortrag & Diskussion
KARL SELENT (Düsseldorf)

Eine Veranstaltung der Antifa3D in Kooperation mit der Ruhrwerkstatt Oberhausen.

Alexander Abusch, geboren 1902 in einer jüdischen Familie in Krakau, Kommunist der ersten Stunde, 1918, 1923 Teilnehmer an den revolutionären Kämpfen in Bayern, in Thüringen, 1926-27 Redakteur der ›Roten Fahne‹ in Berlin, 1935-39 ihr Chefredakteur im Prager, im Pariser Exil, nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazi-Wehrmacht aus dem Internierungslager geflohen, illegal für die Leitung der KPD in Toulouse tätig, 1941 durch Flucht nach Mexiko dem Holocaust entronnen, in der antifaschistischen Zeitung, für die er dort arbeitete, eine prozionistische Haltung einnehmend, nach der Zerschlagung des Nazifaschismus Chefredakteur der im sowjetisch besetzten Sektor Berlins von Maude Ossietzky neu herausgegebenen ›Weltbühne‹, Alexander Abusch also, später Kulturminister der DDR, faßte 1946 die Aufgabe, mit welcher die antifaschistischen Intellektuellen konfrontiert waren, programmatisch zusammen:
»Die Enthüllung aller reaktionären Elemente in der deutschen Geschichte, Literatur und Philosophie, die zu Wegbereitern für Hitler wurden und seine Herrschaft begünstigen konnten, ist zur unabdingbaren Verpflichtung geworden. Die ganze verpfuschte Geschichte der deutschen Nation steht zur Kritik …«
Dem folgend, thematisiert der Referent jene Gegenaufklärung, wie sie in den deutschen Fürstentümern, in der deutschen Nationalbewegung als »romantische Reaktion« (Franz Mehring) auf die französische Aufklärung, die französische Revolution, die napoleonische militärische Präsenz wirkmächtig geworden ist. Nicht aufgeklärter, republikanischer, territorialer Nationalismus französischer Prägung war in deutschen Landen gefragt, sondern völkischer, abstammungs-, blutsmäßiger Nationalismus. Hatte der Vormarsch der französischen revolutionären Armeen in die deutschen Fürstentümer den Juden die Befreiung aus dem Ghetto gebracht (Mainz), die Aufhebung Jahrhunderte alter Ansiedlungsverbote (Köln, Lübeck, Bremen), desgleichen das Bürgerrecht (nicht in Österreich u. Sachsen), so folgte auf die deutschen »Befreiungs«kriege, auf die Niederlage der Napoleonischen: die Restauration, die erneute Unterwerfung der Juden unter die alten antijüdischen Bestimmungen. Es soll der »Sieg der Romantik« (Franz Mehring) bis hin zum verhängnisvollen Scheitern der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848 thematisiert werden. Nicht Humanismus, sondern Anti-Humanismus, nicht Liberalismus, sondern Anti-Liberalismus, nicht Materialismus, sondern Anti-Materialismus, nicht Kommunismus, sondern Anti-Kommunismus waren in den deutschen Fürstentümern, im militaristischen deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik, der »Republik ohne Republikaner«, angesagt. Gegenaufklärung dominierte Staat und Gesellschaft.
Erreichten in Frankreich aufgeklärte Kräfte (Liberale und Sozialisten) in einem jahrelangen zähen Kampf 1906 die Rehabilitation des jüdischen Generalstabsoffiziers Alfred Dreyfus, der 1894 in einem von antisemitischen Motiven bestimmten, juristisch unhaltbaren Verfahren wegen Spionage zu Degradierung, zu lebenslanger Verbannung verurteilt worden war, wobei der Prozeß von antisemitischen Ausschreitungen begleitet war, und konnte im Verlauf der Dreyfusaffäre über weitere Maßnahmen der Trennung von Religion und Staat (Säkularisation der Schulen 1902, Aufkündigung des Konkordats 1905) erreicht werden, daß der althergebrachte, christliche Antijudaismus, der Antisemitismus im Folgenden zurück gedrängt wurden, so blieben im reaktionären preußisch-militaristischen Machtstaat Deutschland die Antisemiten mehr oder weniger unbehelligt. Weil Aufklärung hierzulande Minderheitenströmung blieb, ihre Niederlage nie wettzumachen vermochte, nie tatsächlich wirkmächtig wurde (»Der Kaiser ging, die Generäle blieben«, von ultrarechts bis ultralinks, von Krupp bis Krause bekämpfte man 1923 die letzte Chance zum Sieg der Aufklärung, die französische Besetzung des Ruhrgebiets), deshalb soll hier nicht die Dialektik der Aufklärung thematisiert werden, um den Nazifaschismus zu erklären, sondern die Dialektik der Gegenaufklärung. Auf der Grundlage literatursoziologischer Studien der Kritischen Theorie über ›Die Romantik – die verdrängte Revolution‹ (Leo Löwenthal) soll »die Sonderentwicklung (!) des bürgerlichen Bewußtseins im Deutschland des 19. Jahrhunderts verfolgt« werden, eben jener »romantische Antimodernismus«, der zusammen mit weiteren, späteren literarischen Strömungen »zum Syndrom der gescheiterten bürgerlichen Revolution« sich fügte. Es soll mit der editorischen Nachbemerkung zu Löwenthals Studie der Frage nachgegangen werden, »warum sich ein aufgeklärtes bürgerliches Bewußtsein in Deutschland nie hat festigen können«. Es soll der Unterschied gezeigt werden zwischen »Kultur und Culture« (Adorno), also zwischen dem, was man in Deutschland meint, unter Kultur verstehen zu müssen, und dem, was man in den USA mit Culture verbindet. Um es mit der Überschrift eines Artikels von Adorno zu sagen: Es soll Antwort gegeben werden »Auf die Frage: Was ist deutsch«. Antwort, wie sie in dem Buch von Joachim Bruhn ›Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation‹ gegeben wurde, wie sie aber auch in der politischen Theorie Hannah Arendts über den völkischen Nationalismus, den kontinentalen Imperialismus, den Antisemitismus zu finden ist. Antwort, wie sie, allgemeiner, von der in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften entwickelten Theorie des deutschen Sonderwegs gegeben wurde. Kurzum, es sollen immer noch jene »Deutschen Zustände« thematisiert werden, jene »Deutsche Ideologie«, die bereits von Marx und Engels unnachgiebig der Kritik unterzogen wurden. Mit Lenin soll »Über deutschen und nichtdeutschen Chauvinismus« Klarheit geschaffen werden.

Der Referent, Karl Selent, ehemals Student der Komsomolhochschule in Moskau, Absolvent zweier Sommerlehrgänge der FDJ-Hochschule Wilhelm Pieck in Berlin / Bernau, ist Diplom-Sozialwissenschaftler, derzeit Lehrbeauftragter an der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg Essen. Er veranstaltet gemeinsam mit dem marxschen Soziologen Prof. em. Dankwart Danckwerts die ambitioniert auf mindestens sieben Semester angelegte Seminarreihe »Dialektik der Gegenaufklärung«.

Quelle: Antifa 3D